Eindrücke zum Ablauf einer Neumitgliederveranstaltung der NRW-SPD oder: Wie man 150 Jahre Geschichte in 6 Stunden erklär

Veröffentlicht am 22.04.2018 in Veranstaltungen


Zehn Uhr 21.4.2018, ein sonniger Morgen inmitten der Dortmunder Nordstadt. Vor einem Kulturzentrum treffen sich 11 Personen aus dem Umkreis, die alle sehr unterschiedlich aussehen: Der eine hat einen langen Ziegenbart und trägt ein diabolisches Metalshirt, der nächste ist ein Philosophiestudent im Adidas-Shirt, der einen Doktortitel anpeilt und später gerne an der Universität arbeiten würde. Ein 14-jähriger Junge mit afghanischen Wurzeln unterhält sich mit einem toughen Herrn im Harley-Davidsson-Outfit und dazugehörigem Old-Timer-Gefährt. Ein sehr ordentlich gekleiderter Wirtschaftslogistiker unterhält sich mit einem Musikpädagogen und ein 2,05 Meter großer Digitalisierungsexperte diskutiert mit einer Bürgerin, die sich Sorgen um das abdriften ganzer gesellschaftlicher Schichten nach rechts macht. Eine junge Gewerkschafterin mit Kurzhaarfrisur spricht mit einem vollbärtigen Rentner.

 

 

So unterschiedlich diese Personen sind, eines eint sie Alle: Die Neumitglieder der NRW-SPD sind der Veranstaltung des Landesverbands zum „Kennenlernen“ der SPD gefolgt. Eigentlich waren 20 Personen angemeldet, einige hatten wohl wegen des schönen Wetters die Tagesplanung abgeändert.

 

Das Wichernhaus in der Stollenstraße ist ein Anlaufpunkt für kulturelle Veranstaltungen. Vor 3 Wochen war dies noch der Zielort des Ostermarsches aus Werne. Hier fanden die Abschlusskundgebungen der Gewerkschaften und der YPG für Frieden und internationale Solidarität statt. Heute ist weit weniger los. Außer den 11 Neumitgliedern sind noch 2 Angestellte der Diakonie im Haus, die für reichhaltige Verpflegung sorgen. Neben der originalen gibt es auch eine vegane Bolognaise zu den Nudeln, eine riesige Schüssel frisch geraspelter Parmesan, Salat, Cola, Wasser und Kaffee am Selbstbedienungsbuffet. Es war klug, als Frühstück lediglich einen Kaffee zu trinken. Bei der SPD wird man kulinarisch immer exzellent versorgt!

 

Der Referent Alexander Klomparent leitet mit routinierter Gelassenheit durch die Veranstaltung. Bei Einwänden oder Fragen nimmt er sich für ausführliche Antworten Zeit. Seit 20 Jahren ist er SPD-Mitglied und auch seine Frau arbeitet beim Landesverband NRW. Zu Gast kommt Alexander Vogt (MdL), der nach dem Vortrag direkt zur nächsten Veranstaltung nach Herne muss.

 

Ablauf der Veranstaltung:

1 Begrüßung

2 Partnerinterviews, Vorstellungsrunde

3 Referat von Alexander Vogt (MdL)

4 Mittagessen

5 Informationen zu Struktur und Geschichte der SPD

 

Aufgabe bei den Partnergesprächen war, den Sitznachbarn im Kurzgespräch kennenzulernen, um ihn dann dem Plenum vorzustellen. Inhaltlich sollte dabei die Motivation zum Parteieintritt und biografisches im Vordergrund stehen.

Die Motivationen waren sehr unterschiedlich. Häufiger genannt wurde der gesellschaftliche Rechtsruck, die Profillosigkeit der SPD und die Mündigkeit der Bürger im Sinne Kants. Auch Nahostpolitik, Gewerkschaftsarbeit, die Kritik an der Struktur von Ortsvereinen, Expertise für Digitalisierung wurden als Beweggründe für den Parteieintritt genannt. Ein älterer Herr fasste zusammen, jeder in dieser Gruppe sehe die letzte Chance, um den Niedergang der Demokratie durch mehr aktive Beteiligung zu stoppen. Alle Teilnehmer sind zum Mitgliedervotum in die Partei eingetreten. Ein Befürworter der großen Koalition war nicht wahrnehmbar. Alle waren sich einig: Wir brauchen Erneuerung von unten.

 

Anschließend folgte ein Kurzvortrag von Alexander Vogt. Mit 14 trat er den Jusos bei, saß von 2004-2010 im Stadtrat Herne und ist seit 2010 Landtagsmitglied. Er leitet die Ausschüsse Kultur und Medien sowie einen zur Digitalisierung und wurde vom Landesvorstand mit der Betreuung von

Neumitgliedern beauftragt. Inhalte des Referats in Stichworten:

– Die Gratwanderung von Freiheit und Regulierung in Zeiten der Digitalisierung

– Probleme von Freiberuflern (Sozialabgaben) und privaten Paketdienstauslieferern (keine Gewerkschaft, ausbeuterische Verhältnisse)

– Verdi: Engagement für die Stahlindustriearbeiter, aber nicht für die Discountersupermarktverkäuferinnen

– Der Niedergang der SPD, Frustrationen bei verschiedenen Landtagswahlen

– Fragen zur Verbesserung, Neuaufstellung der Partei

– Wie können wir erreichen, dass es wieder einen vernünftigen gesellschaftlichen Umgang gibt? (z.B. im Kleingartenverein mit bereits diskutierenden Menschen sprechen, um Meinungen zu berücksichtigen, die sonst im politischen Diskurs überhört werden)

– Kritik an der Landesregierung NRW (z.B. Streichung der erfolgreichen Stabsstelle für Umweltkriminalität, dafür Aufstockung von Personal für Heimat)

– Kritik an Personalentscheidungen (z.B. Friedrich Merz der mit Blackwater verbunden ist, verhandelt momentan kompromisslos für einen harten Brexit)

– Anekdoten aus der NRW-SPD

 

Alexander Klomparent begann nach dem Mittagessen mit Informationen über die Geschichte und Struktur der SPD. 150 Jahre Wendungen der Geschichte wurden auf einem Schaubild mithilfe eines Beamers auf eine Leinwand projiziert. Anschließend wurde die komplexe Struktur der Partei allgemein verständlich erklärt. Der Film, der eigentlich gezeigt werden sollte, wurde mit allgemeiner Zustimmung übersprungen, da er auch bei YouTube abrufbar ist. https://www.youtube.com/watch?v=Ya6q2K_5_Rw

 

Vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein über das Godesberger Programm bis zur heutigen SPD sind ein trockener Stoff, den der Referent mit persönlichen Eindrücken zum Leben erwecken konnte. Er sprach über eine gefühlte „Seele der Partei“, die man beim gemeinschaftlichen singen des Steigerlieds auf Gewerkschaftsveranstaltungen erfahren kann. Auch die Einschätzungen eines Aktiven zu Befindlichkeiten, Personaldiskussionen und dem „inneren Konsenz“ von Parteimitgliedern waren spannend.

 

Er empfahl allen Neumitgliedern, sich um Ämter in den Räten zu bewerben, da 2020 aufgrund der Altersstruktur in der Partei viele Funktionsträger nicht mehr antreten werden/können. Rückblickend fand Alexander die 10 Jahre Parteiarbeit im Rat bereichernd. Es wäre wie ein Studium Generale, da man in viele verschiedene Themen Einblicke bekommt und dazu recherchiert. Es mache Spaß, das Leben von Menschen mit aktivem Handeln zu verbessern.

 

Eine Diskussion entbrannte über Strömungen innerhalb der Partei, wie dem wirtschaftsliberalen Seeheimer Kreis, der parlamentarische Linken (DL21) und Probleme bei der Konsenzfindung.

Die Bedeutung von 118000 SPD-Mitgliedern aus NRW (25% der Delegierten) und des WW (westlichen Westfalen) waren Thema, bevor Funktionen von Arbeitsgemeinschaften, Kontrollkommissionen, Personaltableaus und anderer Strukturen besprochen wurde. Auch die Wahl von Andrea Nahles oder Simone Lange zur Parteichefin am Sonntag war ein Thema.

 

In der Abschlussrunde gab es keine unterschiedlichen Eindrücke, vielmehr wurden die Einschätzungen durch weitere Wortbeiträge ergänzt:

– Die Stimmung war harmonisch.

– Es war eine sehr bunte Truppe.

– Alle sehen die Notwendigkeit sich aktiv einzubringen.

– Die Moderation war ungezwungen und konstruktiv.

– Solche Treffen dienen auch dazu, den eigenen geistigen Anspruch in der Diskussion zu fordern.

– Es war thematisch sehr vielfältig.

 

Der Moderator sagte abschließend, es sei heute anders als sonst gewesen: Weniger ein Seminarcharakter, sondern eher ein „persönlicher Workshop“, bei dem nachher jeder die Veranstaltung mit dem Eindruck verlässt, in dieser Partei sei man richtig aufgehoben. Mit genau diesem Eindruck und neuen bereichernden zerebralen Vernetzungen fuhren alle um 16.15 Uhr nach Hause.

 
 

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